Freitag, 7. Dezember 2012

Kapitelanfang Pflicht


Für mich ist der entfaltete Kommunismus eine Welt der tatsächlich maximalen Freiheit jedes Einzelnen. Wirkliche Freiheit jedes Einzelnen. Heute gibt es nur juristische Chancengleichheit. Praktisch sind die Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Lebenswege schon bei der Geburt eines Menschen unterschiedlich verteilt. Also unabhängig von seinen Talenten. Teilweise sogar entgegen seinen Talenten. Da kann es sein, dass jemand, der für eine leitende Aufgabe eigentlich nicht gut geeignet wäre, mit dem Geld seiner Vorfahren zum Chef gedrillt wird, während einem genialen Menschenführer nur die Karriere als Gangsterboss offensteht.
Es ist mitunter auch ein extrem langer Weg, für sich selbst herauszufinden, was man am liebsten Sinnvolles machen will … und ob man dafür wirklich ausreichend gut geeignet ist. Diese Suche darf nicht nur Millionärskindern vorbehalten bleiben. Meinen individuellen Platz gefunden zu haben sehe ich als natürliche Voraussetzung dafür an, mich wirklich gern mit meinem speziellen Vermögen ohne Druck in die Gesellschaft einzubringen.
Die Welt des entfalteten Kommunismus wird meist für fast jeden einzelnen Menschen einen sinnvollen Lebensplatz zu bieten haben, bei dem der Nutzen für die Gemeinschaft mit dem für sein individuelles Wohlbefinden in Einklang gebracht werden kann, er wird also nicht nur süchtig nach Glück sein, er wird auch ohne schädigende Nebenwirkungen seine ganz persönliche Portionen genießen können. Davon bin ich überzeugt. Das wird allmählich der Regelfall werden. Was ist aber mit den Fällen, in denen das nicht gelingt? Der ganze heutige Staatsapparat scheint ja darauf ausgerichtet, jedem einzureden, er sei ein Sonderfall, der an seinem eigenen Schicksal schuld ist. Die Masse der Bürger dieses Landes würde sich deshalb zu Äußerungen hinreißen lassen wie „Wegen mir brauchte es keine Polizei zu geben. Aber vor den paar Verbrechern möchte ich schon geschützt werden.“
Dass nicht gleich alles Notwendige von jemandem gemacht werden wird, hat verschiedene Gründe: Zuerst einmal den Charakter der Arbeiten selbst. Dazu kommt die natürliche Individualität, sprich: Unterschiedlichkeit der Menschen. So, wie in der Natur eben weiße Hasen geboren werden, obwohl sie normalerweise nicht überleben können, damit bei veränderter Umwelt schon angepasste Hasen da sind, fallen auch Menschen aus dem Rahmen. ...  

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Kapitelanfang DDR (2)


Ich war für ein freundliches Verhältnis zur „Nationalen Volksarmee“ der DDR nicht geeignet. Beispielsweise war meine Sportbegeisterung nie so groß, dass mich Körperertüchtigung gelockt hätte, und als emotional egozentrischer Anarchist war mir unterordnender Gehorsam zutiefst zuwider. (In einem krankhaften Anfall von Übermachtssadismus spielte ich mit 14 einmal meinem engsten Freund gegenüber einen SS-Mann: Ich zwang den schwarz Gelockten durch brutale Gewalt dazu „Ich bin eine dumme Judensau!“ auszurufen, um freizukommen … und ich könnte nicht sagen, vor wem ich mich nachher mehr ekelte: vor ihm, der sich derart demütigen ließ, oder vor mir, dass ich zu so etwas fähig gewesen war …) Rund wurde meine Grundhaltung zum Thema Armee aber erst dadurch, dass es in der Klasse bei den Auseinandersetzungen mit der Staatsbürgerkundelehrerin einen einzigen Schüler gab, der nach dem Lehrerinnenmund gerecht werdenden Antworten suchte. Dieser Speichellecker mit mäßigem geistigen Niveau strebte an, Offizier zu werden. Ich konnte ihn mir sehr gut in preußischen Stiefeln vorstellen. Das schon vorher geprägte Bild, Körperkraft zeigten die, denen es an Geisteskraft mangelte, wurde untermauert – nur eben auf höherer Ebene. Auch ich bin nicht frei von Vorurteilen ...
Die Stabü-Lehrerin hat bei mir dann doch etwas bewegt. Im Nachhinein tut sie mir leid. Es war mir ein teuflisches Vergnügen, den ungeliebten „Rotlicht“-Unterricht zu sprengen. Hier konnte ich spitzfindigste Raffinesse an die Front werfen. Ich hatte die meisten Schulbücher schon vor Beginn der Unterrichtsjahre überflogen. Im Staatsbürgerkunde-Lehrbuch fiel mir dabei etwas auf: Außer bunten Bildchen gab es Kästchen mit Zitaten der „Klassiker“ des Marxismus-Leninismus, die ich sozusagen als die Verkündigung Moses ansah (so waren sie wohl auch gemeint), während der eigentliche Text das profane Bla-Bla war. Das Gute daran: Es ließen sich in dem profanen Zeug Widersprüche zu Gottes, Pardon: Marxens, Kernsätzen in den Kästchen finden. Also sprengte ich Stunden mit Beweisversuchen, dass das, was wir gerade als wunderbare Wirklichkeit unserer größten DDR aller Zeiten erklärt bekommen sollten, gar nicht das war, was der große Marx sich als sozialistische Gesellschaft vorgestellt hatte. Widerspruch als Denksport.
Die intelligenten Mitschüler verfolgten die Diskussionen mit Vergnügen und unterstützten mich nach bestem Wissen. Die weniger intelligenten freuten sich, dass die Stunden nicht als langweilige Lernstunden versandeten. Nur eben jener Möchtegern-Offizier mühte sich um Unterstützung der Lehrerin. Die war von uns Jungen begeistert. Weil wir so offen Interesse zeigten, ...  

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Kapitelanfang Musik


 Also ich ärgere mich, wenn ich ein Lied auf Youtube nicht anhören darf, obwohl es jemand dort hochgeladen hat – egal ob mit oder ohne Video. Das hat nun weniger mit Robinson, sondern eher mit Kommunismus zu tun ...

„Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muß es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will - während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden. …“
(vgl. ANHANG)

So hat das Marx einmal formuliert, als er ausnahmsweise ins Science-Fiktion-Fach hinüber gewechselt war. Seine pathetischen Worte „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!" werden häufiger benutzt, um den Kommunismus zu kennzeichnen. Sie klingen so allgemein, dass sie heute noch als „hoffentlich zutreffend“ durchgehen können. Und? Geht das mit heutigen „Bedürfnissen“? Eher nicht. Aber in ein paar hundert Jahren werden ganz andere Bedürfnisse normal sein. Dass jeder alle seine Fähigkeiten in den Dienst der Gesellschaft stellen könnte, ist trotzdem zu hoch geträumte Fantasie?! Nur weil die Formulierungen missverständlich sind.
Die Aussage mit den Jägern und Fischern wird von heutigen Marx-Jüngern meist verschämt verschwiegen – und sei es aus Angst, ihren Guru lächerlich zu machen. Das passiert, wenn man das Zitat aus dem Zusammenhang reißt oder wörtlich nimmt. Kein Mensch wird sich heute ernsthaft künftige Kommunisten als Jäger und Fischer vorstellen. ...

Dienstag, 4. Dezember 2012

Kapitelanfang Robinson


Bürgerliche Ökonomen versuchen oft Milchmädchen-Wirtschafts-Erklärungen, bei der um wenig Ecken Denkende sagen, ja, das verstehen wir. Sie verkürzen dabei die abstrakten Zusammenhänge von Kapital und Gesamtwirtschaft auf das hübsche Bild von Robinson Crusoe. Bei vielen Wirtschaftsbeziehungen geht das nicht, weil die nur existieren, wenn so viele Handelnde im Prozess auftreten, dass die einzelnen nicht direkt wissen und beeinflussen können, was aus ihren Produkten wird beziehungsweise wie ihre gekauften Waren zu ihnen kommen. Aber wir haben ja Fantasie, um auch für uns aus dem „künstlerischen Bild“ etwas zu machen.

Ich musste viel von Karl Marx lesen. Sein produktionsfixiertes Denksystem hatte Vor- und Nachteile. Das kommt gerade in seinem Hauptwerk „Das Kapital“ zum Ausdruck: Die Welt, die er zu erklären versucht, rankt sich um den Begriff der „Ware“. Der reicht zwar aus, um einen Kapital-Ismus mit seiner Herkunft und seinem Niedergang zu erklären, aber nicht für die Einordnung des (entfalteten) Kommunismus. Dafür muss jeder Klassenhorizont verlassen werden. Also alles, was Warenwirtschaft erklärt, wie „Tauschwert“ oder „abstrakte Arbeit“. In der kommunistischen Welt gibt es nämlich nur noch eine Vielzahl konkreter Arbeiten. Da hilft der Robinson wirklich mehr:

Die „Wirtschaft“ kennt drei Arten von Kreisläufen.
Der innerste ist der elementare oder Robinson-Kreislauf: „Der Mensch“ als konkretes Einzelwesen hat Bedürfnisse, die zu befriedigen sind, die er selbst kennt und befriedigen möchte, einen natürlich vorgegebenen Zeitfonds, in dem er dies kann und muss, und eine gesellschaftliche Qualität dieses Zeitfonds. Selbstverständlich sind die Bedürfnisse selbst auch gesellschaftlich bestimmt. Sie erwachsen nur zum kleineren Teil „der Natur“, zum größeren dem, was „der Mensch“ kennt. Also als er die Nutzung des Feuers nicht kannte, fraß er, womit er seinen Hunger stillen konnte. Er hätte mit Messer und Gabel nichts anfangen können, schiss bestimmt neben dem Fressplatz und es gab nichts, wo und warum er hätte Staub wischen können. Wie sauber jemand heute seine Wohnung haben möchte, ist auch ein kommunikatives Problem. Es erwächst unter anderem aus dem Grad der Peinlichkeit, wenn Besucher „Sau“ mit Fingern aufs Regal schreiben (könnten). Das konnten die Höhlenbewohner noch nicht. ...

Montag, 3. Dezember 2012

Kapitelanfang Gesetze


Was ist „Geschichte“? Die Abfolge von Ereignissen, bei denen große Persönlichkeiten zur rechten Zeit am rechten Ort waren oder eben nicht? Daten, an denen die Entscheidungen Einzelner den weiteren Gang der Dinge in die eine oder andere Richtung lenkten? Mich beeindruckten Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“. (Google kennt´s) Worauf kommt es einem Geschichtslehrer an? Dass man das Wesen großer Zusammenhänge nachvollziehen kann oder Fakten griffbereit hat, was wann wo war? Ist der Gang der bisherigen Geschichte das Ergebnis von den Naturgesetzen vergleichbaren Entwicklungsgesetzen? Nein? Wenn aber ja … geht dann die Geschichte mit gleicher Naturnotwendigkeit weiter? Und … wohin?

Innerhalb der „Menschheit“ wirkt, was jeder Einzelne von uns macht, chaotisch. Von dem Moment an, in dem es eine „menschliche Gesellschaft“ gab, wirkten in materialistischem Verständnis die Entwicklungsgesetze aber schon so, dass diese chaotischen Handlungen zu einem letztlich notwendigen (allerdings nur theoretisch vorher bestimmbaren) Ergebnis führten … nämlich den Verhältnissen, die wir heute haben. Egal, wer diese Gesetze erkannt hat. Irgendein einzelner Mensch, eine Gruppe von Menschen oder die ganze Menschheit. Oder ob überhaupt einer.
Alle gesellschaftlichen „Gesetze“ haben ihre Wurzel in Mechanismen, mit denen die Natur ihre eigene Existenz erhält. Die wirken weiter, obwohl der Mensch sie erkennen und damit beeinflussen könnte, erst einmal noch (aber nicht nur) deshalb, weil er sie nicht erkannt hat. Insofern ist es wichtig, solche Gesetze genau zu erforschen. Mit der Herausbildung der menschlichen Intelligenz hat sich die Natur eigentlich die Kraft geschaffen, mit der sie sich bewusst selbst regeln könnte. Man könnte in Gelächter ausbrechen, wenn man die „heutigen Menschen“ zum Maßstab nimmt. Aber übernehmen nicht auch heute Menschen Verantwortung für ihre Umwelt? Wir sollten nicht vorschnell verallgemeinern.

Sagen wir, es findet sich ein Mensch, der auf andere glaubhaft wirkt, wodurch auch immer.
Sagen wir weiter, dieser Mensch behauptet, dass wenn die anderen Menschen zu einem von ihm bestimmten Zeitpunkt in einen See steigen, der ewige Schöpfer der Welt machen wird, dass dieses Gewässer über seine Ufer tritt.
Sagen wir, genug andere Menschen handeln, wie dieser eine es ihnen sagte.
Was passiert? Das Gewässer tritt tatsächlich über sein Ufer. Der Mensch hat ein „Wunder“ eines angeblichen Schöpfers vorgeführt, das gar keines war. ...

Sonntag, 2. Dezember 2012

Kapitelanfang DDR (1)


Ich bin Individualist. Hielte ich „Kommunismus“ für eine verordnete Gleichmacherei im Sinne einer „Kollektivierung“, wäre er keine für mich wünschenswerte Zukunftsvorstellung. Für Massenparaden vorbei an einem Großen Vorsitzenden bin ich nicht gemacht. Weder möchte ich jemand kollektiviert wissen noch kollektiviert werden. Ich habe meine eigene Sicht darauf, was „vernünftig“ ist. Die muss man nicht teilen. Aber schon als penetrant aufdringlicher Schüler konnte ich es mir nicht verkneifen, dazwischenzurufen und den Finger vor lauter vorlauten Fragen oben zu behalten. Und heute bin ich eingebildet genug, mir das weiter zu gönnen … und wieder anzuecken. Vielleicht kann ich der Fantasie eines Lesers auf die Sprünge helfen …
Was ich erlebt habe, kann ich nicht ändern. Ich habe es eben genau so erlebt, auch wenn es zu den Erfahrungen Anderer nicht passt. ...
Keine Ahnung, wie ich geworden wäre, wäre meine Familie nicht im Frühjahr vor Abschluss der ersten Klasse in die Stadt gezogen. Zuvor war ich als Außenseiter regelmäßig verprügelt worden. Das wichtigste Gefühl meinen künftigen Mitschülern gegenüber war deshalb anfangs die nackte Angst. Um keinen Preis wollte ich wieder so isoliert sein wie zuvor.
Die Rolle des Chefs war vergeben, die des Klassenkaspers frei, und wenigstens in den folgenden drei Jahren füllte ich sie fantasievoll aus. Den Unterricht zu stören fiel mir nicht schwer und die dümmsten Kinderwitze verwandelten sich in meinem Mund in lange Geschichten. ...  

Samstag, 1. Dezember 2012

Kapitelanfang Hebamme ...


Geschichte verläuft insgesamt nach „Gesetzen“. Dass es gekommen ist, wie es dann wirklich kam, lässt sich mit ihnen begründen. Das ändert nichts daran, dass es an vielen Punkten in einigem hätte anders kommen können, der ganze Rest in andere, auch vernünftig zu begründete Bahnen eingeschwenkt wäre, von denen manche uns wesentlich besser getan hätten.
Für mich hätte so einiges im vergangenen Jahrhundert anders gekommen sein sollen. Das mag mancher vielleicht genauso sehen. Aber wenn ich sage, was ich für die schlimmste Katastrophe halte, da werde ich bestimmt wenig Zustimmung finden. Und das, obwohl wir unter den Nachwirkungen leiden und vielleicht irgendwann irgendwelche Aliens sagen werden, damit begann das Ende der Menschheit.
Nach meinem Verständnis ist diese größte Katastrophe der jüngeren Menschheitsgeschichte die Niederlage der Novemberrevolution in Deutschland. Hoffentlich liegt das nur daran, dass ich eben Deutscher und damit gewohnt bin, in meiner Heimat den Mittelpunkt des Universums zu sehen.
Der „Sieg“ der russischen Oktoberrevolution, genauer: die Art, in der er nur möglich geworden und in der bereits der Keim für sein Ende enthalten war, krankte nämlich am deutschen Scheitern.
Reisen wir gedanklich gut 100 Jahre in der Zeit rückwärts. Selbst bürgerliche Historiker geben mitunter zu, dass damals „Kapitalismus“ herrschte, ja „Imperialismus“. Wir wissen um dessen aggressives Wesen, seine gesetzmäßig ungleichmäßige Entwicklung und die Deutschland als Zu-spät-Kommer dabei zugefallene Rolle, eine vollzogene Aufteilung der Welt ändern zu wollen. Aber eigentlich brachte jeder imperialistische Staat konkrete wirtschaftliche Hoffnungen in seine Kriegspolitik ein. Krieg war zwangsweise Folge der Vollendung des „Imperialismus“: Nach Jahrzehnten des Wettlaufs, bei dem relativ wehrlose Völkerschaften unter die jeweilige koloniale Herrschaft gerieten, war nun alles so weit aufgeteilt, dass nur noch eine Umverteilung möglich war. Dass der Weltkrieg begann, war notwendige Folge dieser Entwicklung. Die Katastrophe lag erst in seinem Verlauf und einem Ende, in dem bereits die Keime für den nächsten Weltkrieg ruhten. Dieses Kriegsende, wie es ausgesehen hat und was hätte kommen sollen oder müssen, ist das Problem. ...